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13.11.2019 | 

Mein Kind zockt so viel. Zu viel?

Der Experte für digitale Spiele Markus Meschik im Interview.

Markus Meschick ist Geschäftsführer der Fachstelle für digitale Spiele „Enter“ in Graz und veranstaltet regelmäßig Workshops rund um die digitale Spielewelt. A1 Internet für Alle durfte ihn zum Interview treffen.

 

Kannst du dich kurz vorstellen?

 

Sehr gerne, mein Name ist Markus Meschik, ich leite in Graz die Fachstelle für digitale Spiele „Enter“. Wir sind eine Beratungsstelle, die Eltern und Fachkräften bei der Entwicklung von gelingenden Medienerziehungsstrategien begleitet. Ich schreibe meine Dissertation zum Umgang mit problematischen Spielverhalten und bin Experte und Gutachter für die Bundesstelle für die Postitivprädikatisierung von digitalen Spielen (BuPP).

 

Warum sind Videospiele für viele Kinder und Jugendliche so faszinierend?

 

Videospiele sind eines der neuen Leitmedien, vor allem bei Kindern und Jugendlichen.

Wie aber zum Beispiel auch Buch nicht gleich Buch ist, gibt es auch bei Spielen große Unterschiede.  Je nachdem, welches Genre an Spielen man betrachtet, werden andere Bedürfnisse befriedigt. So gibt es beispielsweise Spiele, die die Möglichkeit bieten, Rollen auszuprobieren, die zu keinen Konsequenzen im echten Leben führen.. Beispielsweise kann man in GTA (Grand Theft Auto) ein Auto stehlen oder einen Menschen mit meinem Auto überfahren. Ich kann aber auch Pizza ausliefern. Nichts davon wird Konsequenzen für mein reales Leben haben, sobald das Spiel vorbei ist. Ein Spiel wie Candy Crush Saga hat andere Funktionen und erfüllt andere Aufgaben, als Spiele wie League of Legends oder Fortnite. Pauschal zu beantworten, was Kindern und Jugendlichen bei Videospielen gefällt ist insofern sehr schwierig.

 

Welche Botschaft hast du für Kinder und Jugendliche die sehr viel spielen?

 

Medienkompetenz bei Computerspielen bedeutet nicht nur, sich mit ein paar Spielen auszukennen und nicht zu viel zu spielen. Es bedeutet auch zu wissen, welche Facetten das Medium außerdem zu bieten hat. Darunter fällt das Erkenntnis, dass es neben Fortnite auch andere Spiele gibt, die qualitativ sehr hochwertig sind aber noch nicht von der breiten Masse gespielt werden. Ich finde es auch wichtig ein gewisses Qualitätsbewusstsein für Medien zu entwickeln. Wenn Leidensdruck im Spiel  mitspielt, ändert sich diese Botschaft etwas: Ich habe die Erfahrung gemacht, dass manche Jugendliche, die sehr viel spielen, dazu neigen, ein dichotomes Verständnis von der Welt zu bekommen. Das heißt, den Alltag komplett zu entwerten und zu sagen „ Im Alltag ist alles Blödsinn und nervt“ und die Dinge die im Spiel erlebt werden sind alle super.. In einem ersten Schritt versuchen wir dann, diese Schwarz-Weiß Malerei aufzubrechen und zu differenzieren. Und dann geht’s darum zu bemerken, dass der Alltag, so anstrengend er oft sein mag, auch spielerisch bewältigt werden kann und, dass es da auch Sachen gibt, die Spaß machen können und lustig sind.

 

Sind viele Kinder und Jugendliche süchtig nach digitalen Spielen?

 

Suchtähnliches Computerspielverhalten betrifft nur einen sehr kleinen Teil der Bevölkerung. Seriöse Studien besagen, dass 1-2 Prozent der Bevölkerung davon betroffen sind. Wenn Kinder etwa 3-4 Stunden am Tag spielen, bedeutet das lange noch nicht, dass sie süchtig sind. Für die Diagnose Sucht müssten auch noch ganz andere Faktoren mit reinspielen. Wenn sich Eltern Sorgen machen, ist das aber immer legitim und in Ordnung. Die adäquate Reaktion ist dann aber weniger, die Situation mit Vorwürfen und Ängsten zu verschärfen, sondern den Bedürfnissen nachzugehen, die sich hinter einem exzessiven Spielverhalten verstecken.

 

Woran erkenne ich, ob jemand zu viel spielt?

 

Die Frage ist gar nicht, was wird zu viel gemacht, sondern was wird zu wenig gemacht. Was möchte ich, dass mein Kind mehr macht? Möchte ich zum Beispiel, dass mein Kind irgendwelche Interessen hat, die mit Sport verbunden sind, dann kann ich versuchen, das speziell zu fördern oder dem Kind vorleben.

 

Was rätst du Eltern von Vielspielern und Vielspielerinnen?

 

Ich würde Eltern raten, alternative Freizeitbeschäftigungen anzubieten, die attraktiv sind und diese am besten mit einem Beziehungsangebot koppeln.

Karl Valentin hat mal gesagt: „Wir brauchen unsere Kinder nicht erziehen, sie machen uns sowieso alles nach." Das ist relativ treffend - der Vorbildcharakter wird ganz oft unterschätzt. Wenn ich meinem Kind vorlebe, dass ich nach einem langen Arbeitstag erschöpft bin und fernschau, dann ist das schon legitim, aber, wenn ich gleichzeitig verlang‘, dass mein Kind total viele Interessen hat und super engagiert ist, ist das vielleicht nicht so realistisch.

Außerdem würde ich empfehlen, Videospiele nicht nur über die Schultern der Kinder anzuschauen, sondern sich hinzusetzen und gemeinsam ein Spiel auszuprobieren. Und es auszuhalten, wenn das 8-jährige Kind auf einmal viel besser ist als der Erwachsene. Vor allem bei Jugendlichen hab‘ ich die Erfahrung gemacht, dass das gemeinsame Spielen eher eine Herausforderung ist und Jugendliche es oftmals ablehnen, wenn davor noch nie gemeinsam gespielt wurde. Auch da zahlt es sich aus, beharrlich zu bleiben und das Interesse immer wieder zu bekunden, im Sinne von: „Ich weiß, ich kenn mich nicht aus mit Computerspielen, aber ich bin interessiert an dir und deiner Lebenswelt und daran was dir wichtig ist.“

 

Vielen Dank für das Interview!

 

Die Angebote der Fachstelle Enter finden Sie hier.

 

 

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